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Bio Austria will in die Getreidevermarktung einsteigen
Mittwoch, 28. Juli 2010
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Ab der Ernte 2011 will Bio Austria ein neues Vermarktungsmodell aufbauen. Das teilte Verbands-Obmann Rudi Vierbauch in einem Schreiben an die rund 13.000 im Verband Bio Austria organisierten Bio-Bauern mit.

Man denke dabei "an eine Organisationsform, wo die direkte Beteiligung der Bauern schnell und unbürokratisch möglich ist, wo Kontrolle und Verantwortung nicht in einer Hand liegen, Transparenz und Fairness in höchstem Maße sichergestellt sind und eine Wiederholung der derzeitigen Situation weitestgehend ausgeschlossen werden kann. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Organisationsmodell einer Genossenschaft diesen Voraussetzungen sehr nahe kommt", so Vierbauch.

Als Beweggründe führt Vierbauch unter anderem die bisherige Situation mit der finanziellen Misere der Agentur für Biogetreide GmbH an, die bekanntlich ihren rund 2.200 Vertragsnehmern am 23.06.2010 angekündigt hat, rund EUR 4 Mio. Zahlungsverpflichtungen an die Bauern für die Vermarktung der Ernte 2009 nicht nachkommen zu können.

Der Vierbauch dann vorgelegte Lösungsvorschlag sei, so Vierbauch, "eine Fortsetzung des Systems unter einer neu gegründeten Firma von Herrn Engelbert Sperl - allerdings ohne wirkliche Mitsprache der Bauern", denen vorerst nur eine Minderheitenbeteiligung in einer neuen GmbH-Konstruktion angeboten worden war.

Erst später seien bei den Informationsveranstaltungen der Bio Austria-Landesorganisationen Niederösterreich und Wien sowie Burgenland Zusagen für bäuerliche Mehrheitsbeteiligungen gemacht worden. Die mit der Agentur geschlossenen Verträge für 2010 sollten einvernehmlich gelöst und neue Lieferverträge mit der neuen Firma abgeschlossen werden.

Verärgerte Bio-Landwirte sorgen für turbulente Info-Veranstaltungen

Laut Medienberichten sollen diese Informationsveranstaltungen zum Teil recht turbulent verlaufen sein. So berichten die "Bezirksblätter Niederösterreich "unter dem Titel" "Dicke Luft" beim Treffen der Bio-Bauern im Gasthaus Knell" von einer derartigen Veranstaltung in Mold, bei der die Landwirte zum Teilverzicht auf ihre Forderungen gegenüber der Agentur hätten bewegt werden sollen. Fast 250 Betroffene hätten teilgenommen.

"Auf die Bitte vieler Landwirte hin, ist er wieder in die Geschäftsführung eingetreten", berichtet das Blatt über den neuen Agentur-Geschäftsführer Andreas Kocourek. Und weiter: "Als ein Bauer wissen wollte, ob denn auch einer von denen da sei, die diesen Wunsch geäußert hätten, herrschte Stille. Als er weiter Fragen stellte, überlegte ein sonst sich lässig gebender Kocourek laut, ob er den nervigen Fragensteller nicht des Saales verweisen sollte. Jetzt wurde es laut im Saal.

Die Frage war nicht unpikant, denn Kocourek wurde 2007 rechtskräftig verurteilt, traditionelles Getreide als Bio-Ware verkauft zu haben. "Kocourek ist als Berater tätig gewesen und für diese Situation mitverantwortlich", so ein Insider.

"Die Bauern sind verärgert, denn dass die Agentur nicht zahlen kann, wusste sie schon vor dem Frühjahrsanbau, informierte die Bauern aber erst Ende Juni - ein Zeitpunkt, zu dem die Ernte schon angelaufen war. Immer wieder werden neue Vermarkterfirmen gegründet, die agierenden Personen aber sind alle wirtschaftlich seit langem verflochten und verhabert", zitieren die Bezirksblätter Niederösterreich von der Debatte.

Vierbauch-Kritik an später Bekanntgabe der Turbulenzen bei Vermarktung

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Vierbauch krititisiert die späte Bekanntgabe der Turbulenzen
Auch Vierbauch kritisiert, es sei durch die späte Bekanntgabe an die Bauern und deren vertragliche Bindung von vornherein klar gewesen, dass es nicht möglich sein würde, eine Alternative zu entwickeln. Damit sei der von der Agentur vorgeschlagene Weg als einzige Möglichkeit übrig geblieben. "Die Landesorganisationen Niederösterreich und Wien sowie Burgenland bemühen sich durch ihr Engagement innerhalb dieser Konstellation, die Ernte 2010 möglichst reibungslos abzuwickeln", so das Schreiben.

Vierbauch hofft dabei, "dass das bestehende Restrisiko für unsere bäuerlichen Lieferanten dabei nicht zum Tragen kommt". Schon vorigen Freitag informierte die Landwirtschaftskammer Niederösterreich, wie Biobauern bei der Auflösung ihrer Verträge mit der Agentur und dem Neuabschluss mit der neuen Bio-Qualitätsgetreide GmbH durch Hinzufügen einer Kündigungserklärung gegenüber der Agentur einen klaren Trennschnitt setzen und das Risiko verringern könnten, dass bei einer allfälligen Insolvenz der Biogetreideagentur der Masseverwalter nicht auf ein "paktiertes Zusammenwirken aller Beteiligten" schließen und auf das Getreide der Ernte 2010 zugreifen könne.

Fehleinschätzungen der Markt- und Kundenentwicklung durch Agentur

Vierbauch sieht als wesentlichen Auslöser dieser Situation "Fehleinschätzungen der Markt- und Kundenentwicklung vonseiten der Agentur in den letzten Jahren". Deshalb wolle Bio Austria jetzt mit einer völligen Neukonstruktion einer genossenschaftlichen Vermarktungseinrichtung sicherstellen, dass diese "wieder Zugang zu allen Handelspartnern am österreichischen Markt findet, stabile Geschäftsbeziehungen möglich macht und gleichzeitig den Exportmarkt für österreichische Ackerfrüchte entwickelt".

Der vom Verband entwickelte Bio Austria-Standard einer Premiumqualität soll am Markt weiter etabliert und umgesetzt werden. Schließlich, so Vierbauch, solle "Transparenz in der Vermarktung von Speise- und Futtergetreide nach innen und außen im höchsten Maße sichergestellt" werden und "durch ein Netzwerk starker strategischer Partner" Zahlungsflüsse garantiert, Termine eingehalten und das finanzielle Risiko minimiert sowie eine schlanke Kostenstruktur gewährleistet werden.

"Höchste Zeit für neue Vermarktungsform"

Da es dringend notwendig und höchst an der Zeit sei, über derartige andere, zusätzliche Formen der Vermarktung für österreichische Bio-Ackerfrüchte nachzudenken, "wird unsererseits intensiv an einer solchen neuen Struktur gearbeitet". Bekanntlich fanden vergangene Woche ja bereits Gespräche von Bio Austria mit der Lagerhausorganisation statt. Bio Austria danke dabei an ein Genossenschaftsmodell, weil damit die bäuerliche Beteiligung auf einfachstem Wege durch Aufnahme von Mitgliedern mit Vorstandsbeschluss möglich sei und keine Rechtskosten anfielen.

Der Vorstand werde durch die Mitglieder gewählt und bilde somit die Struktur der Zulieferer ab. Er habe klare strategische Aufgaben. Weiters sorge der Aufsichtsrat als erstes und direktes Kontrollorgan rasch für notwendige Korrekturen und stehe der Revisionsverband zur Überprüfung der Geschäftsführung und finanziellen Gebarung zur Verfügung. Eine jährliche Revision sei verpflichtend. Schließlich könne an der Generalversammlung jedes Mitglied teilnehmen und durch direkte Fragestellung Information und Aufklärung verlangen. "Die Mitsprache ist somit sichergestellt", so Vierbauch.

Die Tätigkeit der geplanten Genossenschaft solle sich auf alle Ackerbaugebiete in Österreich erstrecken. Damit sei eine flächendeckende Übernahme sichergestellt und die bestmögliche Bedienung des Marktes möglich. Man arbeite daran mit Hochdruck und werde in den nächsten Wochen weitere Informationen dazu geben. "Ich bin überzeugt, dass wir damit im Sinne unserer Ackerbaubetriebe an einer besseren Perspektive für die Zukunft arbeiten", so Vierbauch. Weil zurzeit die verunsicherten Biobauern viele Fragen zum Thema Getreidevermarktung an ihren Verband herantrügen, hat Bio Austria ein Servicetelefon (0676/842 214-888) eingerichtet. -AIZ-
 
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