Frei seien „die Alleingänger unter den Milchbauern“ in erster Linie dadurch, dass sie ihre Produkte am Spotmarkt verschleudern müssten. Die Verzweiflung bei jenen Bauern, die den genossenschaftlichen Molkereien den Rücken gekehrt und ihr Heil bei der IG Milch und deren Vermarktungsorganisation Freie Milch Austria (FMA) gesucht hätten, werde zusehends größer. Während die Molkereien ihren Bauern derzeit einen Preis von rund 35 Cent pro Liter zahlten, bekomme ein Milchbauer, der an die FMA liefere, nur 20 Cent und trage zudem die Anlieferungskosten mit. Existentiell betroffene Milchbauern klopften schon längst wieder reumütig an die Tore der Molkereien, kritisierte Abentung und sprach von „billigem Aktionismus der IG Milch auf Kosten der eigenen Mitglieder“, die von den hoch und nieder gehenden Wogen am Weltmarkt mit voller Wucht getroffen würden.
Einen wirksamen Schutz des Einzelproduzenten vor volatilen Produktmärkten biete in erster Linie der Zusammenhalt in einem Genossenschaftssystem, hob Abentung hervor. Die österreichischen Molkereien pufferten verlässlich die Bewegungen am Weltmarkt ab und hätten deshalb im vergangenen halben Jahr trotz einer Milchüberlieferung von 7 % einen stabil hohen Erzeugerpreis halten können. Nirgendwo sonst gebe es einen wirksameren Schutz vor Tiefstpreisen, so Abentung. Die einzige Antwort auf einen verschärften Wettbewerb mit höheren Produktionsmengen seien Kooperationen und nicht riskante Alleingänge.
Laut Darstellung des Bauernbund-Direktors nutzen die Handelsketten derzeit offenbar einmal mehr ihre starke Marktposition für Preissenkungen aus, bevor sich die Märkte international wieder nach oben bewegen. Preissenkungen auf dem Rücken der Bauern seien jedoch einer guten Zusammenarbeit absolut nicht förderlich. Österreichs Milchbauern produzierten gentechnikfreie Qualität bei höchsten Tierschutzstandards; dies könne es auf Dauer nicht zum Dumpingpreis geben.
In einem offenen Brief attestierte die IG Milch Abentung und anderen Agrarpolitikern ebenfalls einen Realitätsverlust. In ganz Europa seien schon seit Monaten die Erzeugerpreise für Milch im Sinken, was aber ganz bewusst ignoriert werde. Zudem würden die Bauern dazu animiert, mehr und mehr Milch zu produzieren, obwohl der Markt bereits übersättigt sei.
Die IG Milch stellte klar, dass sie keine Milch von ihren Mitgliedern und somit auch keine Milchgelder auszahle. Vielmehr sei die FMA ein eigenständiges Unternehmen und werde auch als solches geführt. Seit langem werde den Erzeugern geraten, Unternehmer zu sein und sich den freien Marktbedingungen anzupassen und zu stellen, betonte die IG Milch. Daher sei es die Entscheidung jedes einzelnen Milchbauern, an die FMA oder an jegliche andere Molkereien zu liefern und sich unter Umständen wieder einen anderen Abnehmer zu suchen.
Es seien Fehler der Agrarpolitik in der Gestaltung der Rahmenbedingungen, wenn der wirtschaftliche Fortbestand tausender Milchbauern nicht mehr möglich sei. Handelsketten könnten nur deshalb mit Schleuderaktionen und Dumpingpreisen werben, weil die Molkereien den Rohstoff Milch dank Überproduktion billigst von den Landwirten erhielten. Bei dieser Marktpolitik blieben die Milchbauern jedoch auf der Strecke. (AgE)
Kommentare
Kommentarfunktion de-/aktivieren