Klimawandel verkürzt Entwicklungsrhythmus

Untypischer Maikäferflug

Wir haben heuer ganz offensichtlich erstmals einen zweijährigen Entwicklungsrhythmus beim Maikäfer. Das dritte Jahr, das als Jahr des Reifungsfraßes, der Verpuppung und des Schlupfes zum Käfer gilt, wurde übersprungen. Über diese These schreibt jetzt Peter Frühwirth von der Landwirtschaftskammer Oberösterreich in der Broschüre "Alle zwei Jahre fliegen Maikäfer – eine These".

Käfer

Dieser Maikäfer wurde in Vichtenstein im April 2020 entdeckt. (Bildquelle: Florian Reiter)

Ab 17. April 2020 wurde aus St. Wolfgang der Flug von Maikäfern gemeldet. Das war völlig untypisch, weil die oberösterreichische Maikäferpopulation einen sehr kompakten dreijährigen Entwicklungszyklus aufweist. Dieser hat vermutlich 2003 begonnen. Seitdem fliegt er alle drei Jahre, zuletzt 2018. Das nächste Flugjahr wäre somit 2021.

Doch die erste Annahme, es könnte sich um eine kleinregionale, bisher unbemerkte, Nebenpopulation in St. Wolfgang handeln, stellte sich schnell als falsch heraus. Denn nur kurz darauf folgten weitere Flugmeldungen aus Grünau, Atzbach, Schön, Vichtenstein, Altenhof/Mühlkreis, Waldkirchen am Wesen, St. Pankraz und Haigermoos. Zudem wurde das Vorhandensein von großen Maikäfer-Engerlingen in der oberen Bodenschicht des Grünlandes festgestellt.

Alle zwei Jahre fliegen Maikäfer

Aufgrund des Maikäferfluges 2020 stellt Peter Frühwirth jetzt die These auf: Die bisher konstant im dreijährigen Rhythmus fliegende Maikäfer-Population stellt sich zu einem Teil auf einen zweijährigen Entwicklungsrhythmus um. Induziert durch klimatische Parameter, wie steigende Temperaturen während der Vegetationsperiode und im Winter, sowie längere Vegetationsdauer.

Karte

Verbreitung von Maikäfer und Junikäfer in Oberösterreich; (Bildquelle: Hintringer, J. (2020).)

Es besteht laut Frühwirth die Möglichkeit, dass sich ein zusätzlicher Entwicklungsrhythmus etabliert und damit eine klimatisch bedingte, parallel laufende Maikäfer-Population entwickelt. Inwieweit diese an Größe zunimmt und vor allem, ob sie bis zum Ende des Gradationszyklus anhält, wird stark von den Paarungsbedingungen 2020 und vom heurigen Witterungsverlauf abhängen.

Frühwirth begründet seine These im Detail so:

"Aus der sehr frühen Eiablage ab Mitte April 2018 haben wir Engerlinge mit einem Entwicklungsvorsprung von 1 bis 1 ½ Monaten. Diese Engerlinge konnten durch eine längere Vegetationsperiode und durch eine fehlende Ruhephase in den Wintern 2018/2019 und 2019/2020 nahezu ununterbrochen fressen. Der für die einzelnen Larvenstadien notwendige Fett-Eiweißkörper wurde rascher aufgebaut und die für die Metamorphose entscheidenden Hormon-Level an Juvenilhormon und Ecdyson vermutlich auch frühzeitiger erreicht. Durch die Kombination von Entwicklungsvorsprung durch die frühe Eiablage und längerer Fressperioden kann der entscheidende Metamorphoseschritt zur Verpuppung bereits im Herbst 2019 oder in diesem Winter 2019/2020 erfolgt sein. Das dritte Jahr, das als Jahr des Reifungsfraßes, der Verpuppung und des Schlupfes zum Käfer gilt, wurde übersprungen."

Jedes Jahr ein Hauptfraßjahr

Sollte sich Frühwirths These als richtig erweisen und sich beide Zyklen etablieren und sich der Entwicklungstrend der Temperaturen bzw. Niederschläge wie in den letzten 30 bzw. 18 Jahren weiter beibehalten, dann wird es wirklich ernst für die Grünlandwirtschaft, so der Fachmann. Vor allem für die weniger ertragsbetonte Grünlandwirtschaft.

fraßjahre

So sehen die Flug- und Hauptfraßjahre bei parallelen zwei- und dreijährigen Entwicklungszyklen aus. (Bildquelle: Frühwirth)

"Wir haben dann jedes Jahr ein Hauptfraßjahr. Wenn auch das Hauptfraßjahr (und damit der Schaden) des 2-jährigen Zyklus weniger gravierend ausfällt, weil die Population noch kleiner ist. Aber alle 6 Jahre fallen die Hauptfraßjahre beider Maikäfer-Zyklen zusammen. Falls das auch noch warme und trockene Jahre sind, wird sich mancher mit Wehmut an die Jahre 2018 und 2019 erinnern", so Frühwirth.

Nährstoffversorgung anpassen

Ohne eine an die Nutzung angepasste Nährstoffversorgung oder umgekehrt, ohne Anpassung (Reduzierung) der Nutzung an die mögliche Nährstoffversorgung, sowie ohne laufende und konsequente Anpassung und Pflege des Pflanzenbestandes an Nutzungsintensität und klimatische Entwicklung, wird eine erfolgreiche Führung des Wirtschaftsgrünlandes immer schwieriger.

Biologische Maßnahmen zur Stärkung der Überlebensfähigkeit des Pflanzenbestandes des Wirtschaftsgrünlandes, wie die Beimpfung des Bodens mit pilzlichen Antagonisten, werden voraussichtlich immer wichtiger werden.


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