"Wald-Milliarde" soll Forstwirtschaft fit für den Klimawandel machen

2018 war das wärmste Jahr der 252-jährigen Messgeschichte, erklärte gestern Felix Montecuccoli, Präsident der Land &Forst Betriebe Österreich, in Wien. Der Klimawandel erfordere kurz- und langfristige Gegenmaßnahmen. Diese sollen nach den Vorstellungen Montecuccolis in den nächsten zehn Jahren mittels einer "Wald-Milliarde" finanziert werden.

Laut Klimawandel-Experten könnte es 2050 klimamäßig bei uns so ausschauen wie in Anatolien oder am südlichen Balkan, meinte Felix Montecuccoli. "Dinge werden sich ganz massiv ändern!" (Bildquelle: Altmann)

Die Hitzeperiode und die lang anhaltende Trockenheit führten im Osten, Südosten und Norden von Österreich zu deutlichen Schäden in der Land- und Forstwirtschaft. Der Süden war von Starkregen und Stürmen betroffen. Diese Klimaextreme haben besonders den heimischen Forstbetrieben sehr zu schaffen gemacht, denn sie sind unmittelbar von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. „Im Wald merkt man den Klimawandel am stärksten, so Montecuccoli. Der Holzeinschlag 2018 betrug in Österreich rund 19,2 Mio. fm, das waren um fast 9% mehr als 2017. Die Schadholzmenge hat dabei einen neuen Rekordwert von rund 10 Mio. fm erreicht. Diese Menge setzt sich zusammen aus einer noch nie dagewesenen Menge an Borkenkäferholz in der Höhe von 4,3 Mio. fm, 5 Mio. fm waren Schadholz aus Sturm-, Eis- sowie Schneeschäden und 0,6 Mio. fm fielen durch sonstige Schäden (Eschensterben usw.) an.

Die Schadholzmengen sind rapide angestiegen. (Bildquelle: LFBÖ)

Das Besondere daran: Diese Situation beschränke sich nicht auf Österreich allein. In allen Nachbarländern sei der Wald gleichermaßen vom Klimawandel betroffen. In der Folge hätten die Holzimporte zugenommen. Montecuccoli: "Täglich fahren Züge voll beladen mit Holz von Tschechien nach Österreich, aber auch aus Deutschland und der Schweiz. Von Juli bis November waren alle Holzlager in Österreich derart voll, dass viel gerodete Bäume im Wald liegen blieben, von Pilz befallen wurden und nur noch als billiges Industrieholz verkauft werden konnten.“ Von einem Importstopp ausländischen Holzes hält der Präsident trotz der prekären Situation bei uns allerdings gar nichts. "Wir leben in einem freien Markt, und wir waren immer gegen eine Regulierung", so Montecuccoli. Zudem würden alle dahingehenden Schritte nur zur Symptombekämpfung und nicht zur Ursachenforschung beitragen.

Über 7,2 Mio. fm Holz wurden zuletzt aus dem Ausland importiert. Dies schlägt natürlich zusätzlich negativ beim Holzpreis zu Buche. (Bildquelle: LFBÖ)

Aufgrund des sehr hohen Holzanfalls sank 2018 der Jahresdurchschnittspreis für Nadelsägerundholz laut Montecuccoli gegenüber 2017 von 89 auf knapp 86 Euro/fm. Im Jahresverlauf gab er auf 79 € nach. Gleichzeitig seien aber die Kosten für die Aufarbeitung des Käfer- und Bruchholzes deutlich gestiegen.

150 Mio. € Schäden allein 2018

"In Summe können die klimabedingten Einbußen der heimischen Forstwirtschaft im Jahr 2018 mit rund 150 Mio. Euro beziffert werden, 2017 waren es bereits 100 Mio. Euro", informierte Montecuccoli. Die Aussichten, dass es heuer besser wird, seien nicht wirklich gut. "Nachdem bereits die vergangenen drei Jahre vom Borkenkäfer geprägt waren, besteht die Sorge, dass es auch 2019 zu ähnlichen Belastungen kommt.

Montecuccolis Schlussfolgerung: „Das können vor allem kleinere Betriebe nicht auf Dauer aushalten. Vielen steht das Wasser bis zum Hals." Er fordert daher finanzielle Unterstützung vom Bund. Eine Milliarde Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren sollte an die Forstwirtschaft fließen. "Tatsache ist, dass der Klimawandel gegen die Land- und Forstwirtschaft arbeitet. Er führt zunehmend zu sinkenden Erträgen und gleichzeitig steigenden Kosten, was viele Betriebe in existenzielle Probleme treibt", meinte der Verbandschef.

Der ungute Mix aus zunehmendem Schadholz durch Borkenkäfer und Klimawandel sowie den zunehmenden Importen hat zuletzt "zu einem Sturzflug bei den Preisen geführt", wie Montecuccoli es nannte. Aktuell liege der Preis für gesundes Nadelrundholz bereits unter 80 €. (Bildquelle: LFBÖ)

Der Klimawandel verlange gleichzeitig eine aktive Waldwirtschaft. "Denn wir müssen alles daran setzen, um unsere Wälder klimafit zu machen und für Generationen zu erhalten", stellte Montecuccoli fest. Für die Aufrechterhaltung der vielfältigen Waldleistungen für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft brauche es die Rückendeckung von Politik und Gesellschaft. "Wir benötigen Unterstützung in der Logistik und beim Ausbau der Lagermöglichkeiten. Forschung und Züchtung von klima- und schädlingsresistenten Pflanzen sowie die Entwicklung und Zulassung von aktiven Bekämpfungsmaßnahmen gegen Schadorganismen müssen forciert werden", forderte der Präsident. Um diese Maßnahmen zu finanzieren brauche es in den nächsten zehn Jahren die "Wald-Milliarde".

Auch Landwirtschaft massiv von Witterungsextremen beeinträchtigt

"Auch die heimische Landwirtschaft wurde 2018 massiv von Witterungsextremen beeinträchtigt. Im Nordosten und Westen Österreichs waren die Betriebe mit einer enormen Trockenheit, im Süden und Südosten mit massiven Regenfällen und Hagelschäden konfrontiert. Schädlinge wie Rübenrüsselkäfer, Drahtwurm oder die Stolbur-Krankheit bei Kartoffeln fanden aufgrund der Trockenheit eine günstige Ausgangslage. Der klimatisch bedingte Gesamtschaden für das Jahr 2018 beträgt 270 Mio. Euro", berichtete Zeno Piatti-Fünfkirchen, Vizepräsident der Land &Forst Betriebe. "Auch heuer ist die Ausgangssituation für die aktuelle Ernte wieder denkbar schlecht. Trockenheit und ein relativ milder Winter haben zu hohem Insektendruck geführt, der die Rübenbauern bis jetzt am härtesten getroffen hat. Der Wassermangel im nördlichen Burgenland, im Wein- und Waldviertel droht zu massiven Ernteausfällen zu führen", warnte der Vizepräsident.

"Existenzen stehen zunehmend auf dem Spiel, denn auch robuste Betriebe können bei dauerhaften Einkommenseinbußen wirtschaftlich nicht mehr überleben. Zudem steht mit dem EU-Kommissionsvorschlag zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) eine Kürzung der EU-Agrargelder zur Diskussion, die viele Betriebe in den Ruin treiben würde", gab Piatti-Fünfkirchen zu bedenken.

GAP muss Einkommen ermöglichen

"Das geplante Agrarbudget ist für die Land- und Forstwirtschaft inakzeptabel, denn eine ökologisch orientierte flächendeckende Familienlandwirtschaft kann damit in Europa nicht gesichert werden. Österreich muss daher von seiner Position abrücken und über den Mehrjährigen Finanzrahmen mehr Geld für die Agrarpolitik zur Verfügung stellen. Falls die Verhandlungen zu Kürzungen führen, müssen jedenfalls die nationalen Kofinanzierungssätze voll ausgenützt werden", unterstrich Piatti-Fünfkirchen. Die derzeitige Unverhältnismäßigkeit bei Sanktionen habe ein Angstklima erzeugt, das nicht mehr zumutbar und für die Erreichung der GAP-Ziele hinderlich sei, so der Vizepräsident.

"Das im Rahmen der GAP-Reform vorgeschlagene Leistungsmodell ist eine revolutionäre Chance, die undurchschaubaren und unerträglichen Auflagen für die Landwirte praktikabler zu gestalten", so Piatti-Fünfkirchen. (Bildquelle: LFBÖ)

"Landwirtschaftliche Betriebe - egal ob groß oder klein - haben massive Einkommensprobleme. Der Grund: Ihre Produkte wie Milch und Kartoffeln sowie die schöne gepflegte Landschaft sind wertvoll, haben aber praktisch keinen Preis. Viele Produkte der agrarischen Tätigkeiten werden heute entweder fast oder vollkommen gratis der Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Die GAP als politisches Regulativ muss diesen Missstand berücksichtigen und ermöglichen, dass landwirtschaftliche Betriebe Einkommen erwirtschaften können", erklärte Piatti-Fünfkirchen. Der jetzige Vorschlag erfülle diesen Anspruch nicht. Agrarische Direktzahlungen an Umweltbedingungen zu knüpfen, sei grundsätzlich legitim. Es wäre jedoch notwendig, dass diese Zahlungen spürbar über den mit den Maßnahmen verbundenen Kosten liegen. Auftretende Skaleneffekte müssten dabei berücksichtigt werden, Obergrenzen auf nationaler Ebene wären jedoch ein kontraproduktives Instrument, das zu einer Schwächung der Haupterw erbsbetriebe führe, so Piatti-Fünfkirchen.

Artikel geschrieben von

Torsten Altmann

Schreiben Sie Torsten Altmann eine Nachricht

Strasser: „50 Mio. € Entlastung für die Bauernfamilien!"

Meldung verpasst? Wir verhindern, dass Sie nicht mitreden können. Tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein und wir benachrichtigen Sie über alle wichtigen Ereignisse rund um die Landwirtschaft.


Diskussionen zum Artikel

Kommentar schreiben

Diskutieren Sie mit

Tragen Sie mit Ihrem Beitrag zur Meinungsbildung zu diesem Artikel bei.

Sie müssen sich einloggen um Kommentare zu bewerten

Abbrechen

Sie haben noch kein Benutzerkonto?

Benutzerkonto erstellen