Neue Gefahr Stolbur

(Bildquelle: topagrar.at)

Stolbur im Erdäpfelbau gewinnt in Österreich immer mehr an Bedeutung. Die Ertragseinbußen sind groß, die Bekämpfung schwierig.

Die Kartoffelblätter werden spröde und rollen sich nach oben ein. Sie verfärben sich von der Triebspitze her gelb oder rötlich-violett. Die Knollen sind weich und gummiartig. Haben Ihre Erdäpfelpflanzen ab Ende Juni auch solche Symptome gezeigt? Dann könnten sich diese mit Stolbur- Phytoplasma (Candidatus Phytoplasma solani) infiziert haben.

Diese Krankheit wird im Osten Österreichs immer häufiger. Die warmen klimatischen Bedingungen fördern die Ausbreitung der Krankheitserreger. In Folge einer Infektion welken die betroffenen Pflanzen, sterben ab und bilden Gummiknollen. Insgesamt können die Ertragsausfälle erheblich sein.

Kleine, gummiartige Knollen:

Zudem bleiben die Knollen kleiner und enthalten mehr Zucker. Sie müssen mit geschmacklicher Minderqualität rechnen. Auch bei der Kartoffelchips-Herstellung gibt es Probleme: Die Chips verfärben sich durch den hohen Zuckergehalt dunkel.

Stolbur Phytoplasmen verursachen auch bei Weinreben und im Gemüsebau große Schäden. Chinakohl, Sellerie, Karotten sowie Tomaten und Paprika sind vor allem betroffen. Die Pflanzen vergilben und zeigen schwere Wuchsveränderungen, bis sie schließlich absterben.

Die Krankheit breitet sich über Unkräuter als Zwischenwirte und Zikaden als Überträger aus. Da die Überträgerinsekten häufig von außen in die Kartoffelbestände zufliegen, tritt die Krankheit an den Feldrändern verstärkt auf.

Als Zwischenwirte spielen in Österreich vor allem die Ackerwinde und die Brennnessel eine Rolle. Man spricht daher vom Ackerwinden- oder vom Brennnesseltyp des Phytoplasmas. An Erdäpfeln wurde nur der Ackerwindentyp beobachtet. Das bedeutet, die Infektionen an den Erdäpfeln gehen von Ackerwinden als Ausbreitungsquelle aus.

An Ackerwinden verursacht das Phytoplasma einen untypischen verzwergten Wuchs, Vergilbungen und kleine löffelförmig gebogene Blätter. Infizierte Brennnesseln zeigen keine Schadsymptome. Die Phytoplasmen vom Ackerwindentyp in Kartoffeln, Wein oder Gemüsearten werden über denselben Ausbreitungszyklus verbreitet. D. h., treten in einem Gebiet Infektionen durch den Ackerwindentyp an Reben oder Gemüse auf, müssen Sie damit rechnen, dass auch angrenzende Kartoffelbestände gefährdet sind und umgekehrt.

Zikaden als Überträger:

Die Windenglasflügelzikade (Hyalesthes obsoletus) ist aktuell der entscheidende Überträger bei Kartoffeln, Gemüse und bei Wein. Je nach Jahr und Region sind 30 bis 65 % der Einzeltiere Träger des Phytoplasmas. Die meisten Zikadenarten und auch andere Insekten (z. B. Blattläuse) übertragen Stolbur nicht.

Windenglasflügelzikaden bevorzugen warme und trockene Standorte. Besonders gern finden sie sich z. B. neben Straßen oder Mauern, in gestörten, lückenhaften Gründecken (Straßenböschung etc.) oder den Randbereichen von Feldern.

Die Larven (fünf Larvenstadien insgesamt) entwickeln sich zur Gänze im Boden an Unkrautwurzeln – je nach Jahreszeit etwa in einer Tiefe von 2 bis 20 cm. Die Larven sind sehr wirtsspezifisch. In Österreich wurde bisher nur eine Entwicklung an Ackerwinden und Brennnesseln beobachtet. Beide Unkrautarten sind gleichzeitig auch Wirtspflanzen für das Phytoplasma. Entwickeln sich die Zikadenlarven an infizierten Ackerwinden oder Brennnesseln, nehmen sie die Phytoplasmen in ihren Körper auf. Diese vermehren sich im Insekt und reichern sich schließlich in den Speicheldrüsen an. Als flugfähige erwachsene Insekten sind sie bereits ansteckend und können die Erreger bei Saugvorgängen übertragen.

Mehrere Wirtspflanzen:

Auch die erwachsenen Zikaden nutzen Ackerwinden und Brennnesseln als Wirtspflanzen. Sie können aber z. B. bei Störungen (Befahren, Mulchen, Wind etc.) auf andere Pflanzenarten gelangen, die sie dann auch besaugen und unter Umständen infizieren.

Sind Windenglasflügelzikaden einmal in einem Kartoffelbestand, haben sie wenig Futteralternativen. Somit kann eine relativ geringe Zahl an Zikaden zu einer hohen Zahl an infizierten Kartoffelpflanzen führen. Die Insekten können an Kartoffeln mindestens einige Tage überleben.

Zikaden fliegen bis Ende Juli:

Die Flugzeit der erwachsenen Insekten beträgt einige Wochen. Zikaden, die sich an Ackerwinden entwickelt haben, fliegen in etwa (je nach Region und Witterung) von Anfang Juni bis Ende Juli.

Die erwachsenen Zikaden legen ihre Eier in der Nähe von Ackerwinden und Brennnesseln ab. Die Larven wandern zu den Unkrautwurzeln. Windenglasflügelzikaden entwickeln unter den heimischen klimatischen Bedingungen nur eine Generation pro Jahr. Saugen die Windenglasflügelzikaden allerdings erst als erwachsene Insekten an einer mit Phytoplasmen infizierten Pflanze (z.B. an einer erkrankten Kartoffelpflanze), sind sie bzw. werden sie kein Überträger.

Aus diesem Grund spielen kranke Ackerwinden, an denen sich die Zikaden als Larven infizieren, die entscheidende Rolle für die Ausbreitung des Phytoplasmas. Eine Übertragung direkt von Kartoffel zu Kartoffel oder zwischen anderen Kulturpflanzen durch die Windenglasflügelzikade erfolgt nicht.

Phytoplasmen können an sich auch über vegetatives Vermehrungsmaterial übertragen werden. Der Erreger kann in Kartoffelknollen vorhanden sein, solche Knollen bilden aber Fadenkeime und in der Folge oft schwache und wenig lebensfähige Pflanzen.

Es gibt zahlreiche Insektizide zur Blattlausbekämpfung, die Erdäpfelbauern auch während der Flugzeit der Windenglasflügelzikaden einsetzen dürfen. Jedoch ist nicht sicher, ob diese eine ausreichende Wirkung auf die Zikaden bzw. auf die Übertragung der Erreger haben.

Denn Zikaden entwickeln sich meist außerhalb des Kartoffelbestandes und fliegen über mehrere Wochen zu. Eine Windenglasflügelzikade benötigt etwa drei Stunden Saugzeit, um eine Wirtspflanze zu infizieren. Vermutlich wirken wenige Insektizide so rasch. So kann eine Spritzung oft keine Wirkung zeigen.

Insektizide im Test:

2017 und 2018 wurde in Laborversuchen getestet, ob im Kartoffelbau zugelassene Insektizide sowie Repellents (abweisend wirkende Substanzen) eine Wirkung auf die Übertragung der Phytoplasmen haben könnten. Es wurde überprüft, ob eine zuvor erfolgte Behandlung (angetrockneter Spritzbelag) die Übertragung der Phytoplasmen im Vergleich zu einer Wasserkontrolle reduziert.

Als Testpflanzen wurden Madagas-karimmergrün eingesetzt. Diese Pflanzen wurden mit den Pflanzenschutzmitteln (entsprechend der registrierten Aufwandmenge) sowie Kaolin und Diatomeenerde behandelt. Vier Stunden danach besiedelten wir die in Topfkäfige gesetzten Pflanzen mit je fünf bis zehn Windenglasflügelzikaden. In regelmäßigen Abständen zählten wir die überlebenden Zikaden. Nach acht Wochen erfolgte eine Laboranalyse (PCR) der Madagaskarimmergrün-Pflanzen.

Innerhalb von ein bis zwei Stunden wirkte Lambda-Cyhalothrin (Karathe Zeon) gegen die Zikaden. Dementsprechend war keine der Testpflanzen mit Stolbur infiziert. Pflanzen, die nur mit Wasser behandelt wurden, waren etwa zu einem Drittel Stolbur-krank.

Beläge von Kaolin und Diatomeenerde wirkten zwar nur geringfügig gegen die Insekten. Offensichtlich reduzierten sie aber die Saugtätigkeit (möglicher Repellenteffekt), denn die Anzahl der infizierten Testpflanzen war deutlich geringer als in der Wasserkontrolle.

Versuche im Feld nötig:

Diese Labor-ergebnisse müssen aber erst durch Freilandversuche bestätigt werden. Dabei sollten rasch wirkende Insektizide sowie möglichst gut deckende Beläge von Kaolin getestet werden.

Welche weiteren Möglichkeiten es gibt, die Überträger und Wirtspflanzen der Krankheit zu bekämpfen, lesen Sie im nebenstehenden Kasten.

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