„Wir enthornen schon beim Besamen“

(Bildquelle: topagrar.at)

Mit Sorge beobachtet Biobauer Gerhard Gruber die Aktivitäten von Handelsketten und manchen Bioverbänden in Richtung behornter Rinder. Er geht einen ganz anderen Weg und setzt auf hornlose Kühe.

Beim Blick ins Milchregal in Österreichs Supermärkten könnte man meinen, bei uns geben vor allem Kühe mit Hörnern die Milch. Ob Milch von Zurück zum Ursprung, Heublumenmilch von Ja!Natürlich, Fair Hof-Milch etc. – auf jedem dieser Packerln findet sich werbewirksam eine Kuh mit Hörnern. Offensichtlich sind die Marketingstrategen der Handelsketten überzeugt, dass die Milch dadurch besser zu vermarkten ist − vielleicht auch getrieben durch unbewiesene Behauptungen, wie z. B. vom Demeter-Verband (siehe Kasten S. 40)

Landwirt Gerhard Gruber betrachtet diese Strategie mit Sorge. „Wenn ich mir die Werbung anschaue, habe ich den Eindruck, dass die behornten Kühe zurückkommen“, so der Biobauer. „Auch die Aktivitäten mancher Bioverbände wie Demeter in diese Richtung stimmen mich sehr nachdenklich“, so Gruber.

Dabei spricht doch die Praxis in Österreich eine klare Sprache: Mehr als 80 % aller Kühe in Österreich tragen keine Hörner mehr. Viele Betriebe gehen zudem dazu über, Kühe ohne Hörner zu züchten.

Mit ‚natürlich hornlos‘ punkten:

Weil uns bewusst ist, dass die Enthornung der Kälber selbst unter Betäubung und Schmerzausschaltung durch den Tierarzt Stress und vermindertes Wohlbefinden für das Tier bedeutet, „enthornen wir seit vielen Jahren schon beim Besamen“! Im Klartext: Grubers haben sich auf das Züchten von genetisch hornlosem Fleckvieh spezialisiert. Gruber: „Von unseren 24 Fleckvieh-Kühen sind 23 seit mindestens einer, die meisten seit mehreren Generationen natürlich hornlos.“ Nur mehr die älteste Kuh wurde als Kalb enthornt.

Dem Biobauern ist klar, dass er die Konsumenten nicht mit dem Ausdruck ,genetisch hornlos‘ überzeugen kann. Allein schon wegen der Verwechslungsgefahr mit dem Begriff Gentechnik. „Aber mit der Formulierung ,natürlich hornlos‘ könnten wir punkten.“ Aus seiner Sicht werde dieses Thema noch viel zu selten behandelt. Gruber weiter: „Es wäre an und für sich die Aufgabe der Bioverbände und der Beratung, diese Thematik offensiv anzugehen, bevor uns dies von außen „aufs Auge gedrückt wird.“ Grubers Bedenken: „Die Bioverbände sind für alle Tierwohlauflagen sehr empfänglich. Und im Fleischrinderbereich ist z. B. bei den Programmen Almo und Styria Beef das Enthornen verboten.“

Seit 15 Jahren dabei:

Nach Ansicht des Landwirtes sollte man deshalb die Zucht natürlich hornloser Rinder vorantreiben. „Wir sehen ja bei unseren Kühen, dass es funktioniert.“ Dabei wurde Grubers beim Einstieg in die Hornloszucht von der Zuchtseite davon abgeraten. Doch der Landwirt ließ nicht davon beirren. Vor etwa 15 Jahren fingen Grubers mit zunächst nur hornlosen Fleischvererbern an. „2008 haben wir dann mit dem rotbunten Stier Lawn Boy Red auch mit einem milchbetonten Hornlosvererber begonnen. Dieser hat uns von Beginn an sehr gut vorangebracht“, so Gruber.

Weiters hat der Landwirt verstärkt den Zweinutzungs-Stier GS–Hernandes sowie dessen Sohn Hannes eingesetzt. Und Gruber weist darauf hin, dass ihn seit ihrer Einführung die genomische Selektion schneller weitergebracht hat. „Denn es war ja gerade am Anfang nur eine begrenzte Zahl von Hornlosvererbern verfügbar“, so der Landwirt.

Züchten auf Lebensleistung:

Grubers züchten nach eigener Aussage auf Lebensleistung. Die älteste Kuh hat eine bisherige Lebensleistung von 90 000 kg und 12 Kälber. „Wir streben statt hohen Einzeltierleistungen mithilfe von hohen Kraftfuttergaben gute Milchleistungen aus dem Grundfutter an“, erklärt Matthias Gruber. „Wir setzen auf Kühe mit einer Leistung von maximal 7 500 kg, die dafür langlebig und gesund sind.“ Der Absolvent der LFS Hafendorf hat darüber seine Abschlussarbeit geschrieben.

Grubers haben schon vor über zehn Jahren ihre Milchproduktion auf Low Input und damit die Grünlandwirtschaft auf Kurzrasenweide umgestellt. Den 25 Kühen stehen 8 ha Weidefläche zur Verfügung. Die Hauptkoppel mit 6,5 ha wird jeden Tag beweidet. Direkt unter dem 2001 vom Anbinde- zum Laufstall umgebauten Gebäude befindet sich zudem eine Nachtweide.

Anfang April auf die Weide:

Ein wichtiger Eckpfeiler dieses Systems ist laut Matthias Gruber, die Kühe möglichst früh auszutreiben. „Die Tiere sollten die Weideflächen bereits einmal zurückgebissen haben, bevor das Graswachstum im Frühjahr explodiert“, so Gruber jun. „Daher treiben wir die Kühe schon Anfang April auf die Weide. Dies ist für den Betrieb auf über 1 100 m Seehöhe zwar sehr früh. Aber laut Gruber jun. ist dies unbedingt notwendig, damit das System funktioniert.

Mit der Kurzrasenweide halten Grubers den Weidedruck so hoch, dass die Tiere jeden Tag den aktuellen Zuwachs abgrasen. Weiters erklärt Matthias Gruber dazu: „Im Koppelsystem finden die Kühe für wenige Tage genau die benötigte Futtermenge, bevor sie eine neue Koppel bestoßen. Damit erreichen wir über das ganze Jahr eine hohe und gleichmäßige Futterqualität.“ Wichtig ist laut dem Landwirt zudem, die gewünschte Aufwuchshöhe von 5 bis 7 cm genau zu beobachten und zu messen. Zudem säen Grubers Lücken im Bestand regelmäßig händisch nach.

Durch die hohen Grundfutterleistungen hat sich der Kraftfutterverbrauch auf unter 500 kg/Kuh und Jahr eingependelt. Zum Vergleich: Zu Beginn des Low-Input-Systems lag der Verbrauch noch bei etwa 1 300 kg/Kuh und Jahr. Dies macht sich letztlich auch im Geldbörsl bemerkbar. Laut den letzten Aufzeichnungen im Milchvieh-Arbeitskreis erzielt der Biobetrieb eine direktkostenfreie Leistung von jährlich über 2 600 € pro Kuh.

Nein zu behornten Kühen!

Seit Oktober liefern Grubers ihre Biomilch in das ZzU-Projekt mit 365 Tagen Auslauf im Freien. Dadurch erzielen sie laut Gerhard Gruber einen sehr zufriedenstellenden Milchpreis. Wie in Ausgabe 12/2018 berichtet, stoßen die Neuerungen in dem Lampert-Projekt bei vielen Biobetrieben auf gehörigen Widerstand. Doch für Grubers passt es nach eigener Aussage gut, da sie die Auflagen ohne Probleme einhalten können.

Weitere Aktivitäten der Handelsketten in Richtung behornter Milchkühe lehnt der Landwirt hingegen kategorisch ab. Abschließend mahnt Gruber in Richtrung Handel: „Es wäre absolut unsinnig und unverantwortlich, den Bauern aus werbetechnischen Gründen die behornte Rinderhaltung vorzuschreiben. Allein schon zum Schutz der Tiere untereinander. Aber vor allem auch, um die völlig unnötigen und vermeidbaren Verletzungen von Menschen zu verhindern. Schließlich sind die Hörner der Rinder als Stichwaffen einzustufen, wie uns ein Bioberater erst kürzlich erzählt hat. Viele reden immer nur von Tierschutz. Menschenschutz spielt offensichtlich keine Rolle. Das muss sich ändern!“

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