Tirol

Herdenschutz nur teilweise machbar - und das mit erheblichem Aufwand

Almen sind nur erschwert bzw. gar nicht gegen den Wolf schützbar. Mögliche Maßnahmen sind mit hohem finanziellen Aufwand verbunden. Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie zum Schutz vor großen Beutegreifern des Landes Tirol.

Herdenschutz

Über 700 Schafe und 80 Ziegen von 26 verschiedenen BesitzerInnen werden auf die Verwall Alm in St. Anton aufgetrieben. Sie zu schützen ist technisch möglich, aber vor allem in der Anfangsphase mit hohen Zusatzkosten verbunden. (Bildquelle: Land Tirol/Agridea)

Die Machbarkeitsstudie sollte anhand von vier Almen im Tiroler Oberland und in Osttirol untersuchen, ob und wie Herdenschutz in Tirol mit seinen hochalpinen und teils stark frequentierten Almgebieten machbar ist.

Bis zu 80 € pro Schaf für Herdenschutzmaßnahmen

Danach sind auf einem Teil der untersuchten Tiroler Schafalmen Maßnahmen wie Behirtung, gezielte Weideführung, Zäune, Pferche oder Hunde zum Schutz der Schafherden vor Wölfen machbar, so Christa Entstrasser-Müller vom Land Tirol, die die Ergebnisse zusammengefasst hat. Auf einem anderen Teil der Almen sind Herdenschutzmaßnahmen auf Basis der momentanen Bewirtschaftungspraxis und der derzeitigen Rahmenbedingungen jedoch nicht umsetzbar.

Die Studie zeige, dass Herdenschutz unter den derzeitigen Rahmenbedingungen auf Almen nur bedingt umsetzbar und vielfach mit erheblichen Kosten verbunden sei. Diese seien aus der Landwirtschaft heraus nicht zu erwirtschaften. Die Kosten liegen je nach Voraussetzungen und Maßnahmen zwischen elf und 80 Euro pro Schaf.

Zukunft der Almwirtschaft sichern

LHStv Josef Geisler: „Wir müssen alles dafür tun, dass unsere Schafalmen auch weiterhin bestoßen werden.“ In Tirol gibt es knapp 400 Almen, auf die im Sommer rund 68.000 Schafe aufgetrieben werden. 2019 gab es in Tirol fünf Bärennachweise in Form von Fotos, DNA und Spuren sowie neun genetische Wolfsnachweise. Im Zusammenhang mit Wolf und Bär wurden 14.000 Euro Entschädigungszahlungen für 18 nachweislich von Wolf (15) oder Bär (3) gerissene sowie für weitere 40 (31 Wolf, 9 Bär) tote, nicht beurteilbare oder nicht mehr auffindbare Schafe geleistet. 1.000 Euro wurden für Futterkosten für aufgrund der Wolfspräsenz abgetrieben Schafe aufgewendet.

„Herdenschutz funktioniert in Kombi mit gezielten Abschüssen“

„Wir können EU-Recht nicht aushebeln und werden nicht umhinkommen, uns auch in Tirol mit dem Thema Herdenschutz intensiver zu befassen“, rechnet Geisler trotz des Beschlusses des Dreierlandtages in absehbarer Zeit nicht mit einer europarechtlichen Anpassung zum Schutz der Nutztiere auf den Almen. Studienautor Daniel Mettler berichtet aus seiner Erfahrung in der Schweiz: „Herdenschutz hat auch Grenzen. Herdenschutz funktioniert in Kombination mit Regulierung und gezielten Abschüssen.“

Geisler

Für LHStv Josef Geisler (li.) macht die von Daniel Mettler (re.) von der Schweizer landwirtschaftlichen Kompetenzzentrale Agridea und Simon Moser vom heimischen Büro Alpe erstellte Machbarkeitsstudie deutlich, dass dem Herdenschutz in Tirol Grenzen gesetzt sind und er hohe Kosten verursacht. (Bildquelle: Land Tirol/Graus)

Im benachbarten Südtirol ist es bereits zur Bildung von Wolfsrudeln gekommen. Auch in Niederösterreich, der Schweiz, in Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es Wolfspopulationen. Tirol ist derzeit nur mit durchziehenden Einzeltieren konfrontiert. „Wir müssen, können und wollen im Herdenschutz nicht von Null auf Hundert kommen. Für alle jene, die erste Schritte in Richtung Herdenschutz unternehmen wollen, haben wir aber ein Maßnahmenpaket geschnürt“, präsentiert LHStv Geisler eine Reihe von Initiativen.

Mit Beginn der kommenden Almsaison wird das Land Tirol im Rahmen der Landes APP eine Anwendung anbieten, die die Öffentlichkeit umgehend über eine allfällige Wolfspräsenz informiert, heißt es weiter. Für Tiere, die in einer solchen Situation von den Almen geholt werden, übernehme das Land Tirol schon jetzt die Futterkosten. Ebenfalls bereits in Kraft sei ein neues, gut funktionierendes Entschädigungsmodell für gerissene Tiere.

Weidelenkung als Vorstufe

Die Machbarkeitsstudie Herdenschutz habe gezeigt, dass eine gezielte Weideführung der Schafe in den weitläufigen Almgebieten die Voraussetzung für die spätere Umsetzung konkreter Herdenschutzmaßnahmen sei. Eine gelenkte Beweidung anstatt des freien Weidegangs der Schafe wirkt sich zudem positiv auf die Nutzung der vorhandenen Futterflächen und auf die Biodiversität aus. „Bewirtschaftern von Schafalmen, die sich für eine gezielte Weideführung interessieren, bieten wir Almbegehungen mit unseren Experten an“, erläutert Geisler. Diese würden vor Ort auch die Machbarkeit von Herdenschutzmaßnahmen einschätzen.


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