Schultes: "Bioökonomie ist mehr als Ölersatz"

"Bei ihrem Start hatte die Bioökonomie nur den Anspruch, Öl oder Gas durch pflanzliche Rohstoffe zu ersetzen. Mittlerweile geht es um die Neuausrichtung der gesamten Wirtschaftsgrundlagen. So wie die Digitalisierung bis heute in nahezu allen Lebensbereichen präsent ist, kommt auch eine vernetzte und hoch entwickelte Bioökonomie immer breiter zum Einsatz." Das sagte heute LK Österreich-Präsident Hermann Schultes im Rahmen der LK Klartext-Veranstaltung "Hightech aus Bauernhand".

Hermann Schultes lud heute zur LK Klartext-Veranstaltung "Hightech aus Bauernhand". Foto:LK NÖ/Haiden (Bildquelle: )

"Mithilfe neu entwickelter Technologien entstanden Werkstoffe mit bisher unbekannten Eigenschaften. Die Anwendung ist vielfältig und reicht vom Maschinen- und Fahrzeugbau über die Bereiche Medizin, Pharmazie, Kosmetik, Textil, Mode, Spielwaren, Baumaterialien, Tunnelbau, Dämmstoffe, Bio-Kunststoff oder Papiererzeugung bis hin zur Lebensmittel- und Getränkeherstellung sowie zur Energiewirtschaft. Auch die ökonomische Bedeutung ist mittlerweile enorm. So erwirtschaftet heute die Bioökonomie in der EU einen Umsatz von 2 Billionen Euro und beschäftigt rund 22 Mio. Menschen, so Schultes weiter.

Lebensmittelverlust stoppen

"Eine stark wachsende Weltbevölkerung will ernährt werden. Das ist in den nächsten Jahrzehnten die größte Herausforderung. Gleichzeitig gilt es, den Klimawandel zu beherrschen, dessen erstes Opfer wiederum die Bauern mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel sind. Da sind völlig neue Wege notwendig, gab Schultes zu bedenken. Wer die Versorgung sicherstellen will, muss vor allem in der Dritten Welt die Lebensmittelverluste bei Ernte, Transport, Lagerung und Verarbeitung eindämmen. Bei uns hingegen gilt es, den Irrsinn der Lebensmittelverschwendung zu stoppen. Wer hier umfassend und konsequent handelt, stellt der Welt ohne einen zusätzlichen Quadratmeter Ackerboden bis zu 30% mehr Nahrung zur Verfügung, so der Präsident. Den Klimawandel hingegen könne nur eine rasche Abkehr von den fossilen Rohstoffen Kohle, Öl oder Gas einbremsen. Diese Energiewende sei effizient und nachhaltig nur mithilfe der Bioökonomie machbar, sagte Schultes.

Bioökonomie: Umfassender Ansatz

"Bioökonomie ist heute viel mehr als nur reiner Öl- oder Gasersatz. Sie ist ein umfassend strategischer Ansatz, ein bewusster Zugang zur Veränderung, der durch seine Vielfalt und Breite positive Effekte in Forschung und Entwicklung, in der Wertschöpfung, am Arbeitsmarkt wie auch in der Land- und Forstwirtschaft und somit im gesamten ländlichen Raum hat. Das alles zusammen schafft neue Perspektiven für ein zukunftsorientiertes und nachhaltiges Wirtschaften.

Eines bleibt dabei klar: Die Erzeugung von Nahrungsmitteln wird für uns stets an erster Stelle stehen. Und klar ist auch, dass die Ausgangsstoffe für Industrie oder Energie genauso nachhaltig erzeugt werden wie die Lebensmittel, ergänzte Schultes. In der Vergangenheit standen die fossilen Rohstoffe schier unendlich zur Verfügung. Wir haben diese importiert und zu Hause aufgehört, das vielfältige Potenzial unserer eigenen Rohstoffe zu nützen und so auf Wertschöpfung verzichtet. Die Bioökonomie gibt uns wieder mehr Unabhängigkeit u nd Sicherheit zurück, hielt der Präsident fest.

Land- und Forstwirtschaft: Innovation schlägt Bevormundung

"Die Land- und Forstwirtschaft ist bereit, mit allen Branchen den Weg der Bioökonomie gemeinsam zu gehen. Wachsen kann der Bereich, wenn Rohstoffe im offenen Wettbewerb für die besten Lösungen genutzt werden. Planwirtschaftliche Rohstofflenkung oder die Bevormundung durch monopolistische, unbewegliche Systeme aus der alten Denkweise haben sich überlebt. Innovation schlägt Bevormundung. Schön, dass Österreichs Bauern hier dabei sind, unterstrich Schultes.

Wubbolts: Nachhaltigkeit als Teil der Unternehmens-Philosophie

Große Zukunftschancen für die Bioökonomie sieht Marcel Wubbolts, Chief Technology Officer des niederländischen Konzerns DSM. Das weltweit tätige Unternehmen erwirtschaftet in den drei Segmenten Ernährung, Gesundheit und technische Materialien einen jährlichen Umsatz von 9 Mrd. Euro und beschäftigt 12.000 Mitarbeiter.

Große Zukunftschancen für die Bioökonomie sieht Marcel Wubbolts, Chief Technology Officer des niederländischen Konzerns DSM. Foto: dsm.com

DSM ist auch der weltgrößte Hersteller von Vitaminen. Nachhaltigkeit ist Teil unserer Philosophie, unser Firmenprinzip lautet 'Planet - People - Profit', erklärte Wubbolts in seinem Referat. DSM war in den 1970er-Jahren noch als reiner Chemiekonzern tätig, hat aber Anfang der 1990er-Jahre begonnen, fossile Rohstoffe durch nachwachsende zu ersetzen und erzeugt heute 25% seiner Produkte auf Biomassebasis, wie etwa Zellstoff beziehungsweise Zellulose. 

Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Produktion von biobasierten Kunststoffen für verschiedene Industriezweige (Autokomponenten, Verpackung). Wubbolts zitierte heute auch aus einer EU-Studie, wonach im Bereich Bioökonomie bis zum Jahr 2030 30% der fossilen Rohstoffe durch nachwach sende ersetzt und dadurch sowohl zusätzliche Wertschöpfung als auch neue Jobs geschaffen werden könnten.

Rosenau: Rechtzeitig auf biobasierte Rohstoffe umsteigen

In dieselbe Kerbe schlug BOKU-Experte Thomas Rosenau. Es ist ein Faktum, dass die fossilen Rohstoffe langfristig zu Ende gehen werden, daher müssen wir uns rechtzeitig auf regenerative Rohstoffe umstellen, betonte er. Die auf den fossilen Quellen basierende Produktpalette sei derzeit noch größer als die biobasierte, dies werde sich aber bald umkehren. Als Rohstoff kämen dann Zellulose, Lignin, Proteine, Stärke, Fette und Öle vermehrt zum Einsatz. Rosenau sprach sich in diesem Zusammenhang dafür aus, die kaskadische Nutzung weiter zu verbessern und zu perfektionieren, um eine möglichst hohe Wertschöpfung und Effizienz zu erzielen.

Haio Harms von der Lenzing AG zeigte die vielfältigen Möglichkeiten von Produkten auf Zellstoffbasis auf. Foto: www.cdg.ac.at

Dieser Aussage stimmte auch Haio Harms von der Lenzing AG zu. Das Unternehmen gilt als führender Hersteller von Zellulosefasern. Harms zeigte in seinem Vortrag die große Vielfalt an Produkten auf, die auf Basis von Zellstoff hergestellt werden und nannte als Beispiele Farben, Lacke, Filter, Kosmetik, Nahrungsmittel, Textilien, Verpackungsmaterial und Reinigungstücher sowie Fasern für Wundverbände.
Biorohstoffe senken Energieverbrauch

"Um auf lange Sicht zukunftsfähig zu werden, muss die bestehende Abhängigkeit von endlichen Ressourcen überwunden werden. Dies kann durch den Umstieg auf nachwachsende Rohstoffe und deren stoffliche beziehungsweise energetische Nutzung im Rahmen einer Bioökonomie gelingen, stellte Peter Traupmann, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, fest. In Zukunft müsse es vermehrt angestrebt werden, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln. Traupmann erinnerte daran, dass 80% des heimischen Holzeinschlags bereits kaskadisch genutzt werden. Nachdem 33% des gesamten Energieverbrauchs in den Verkehrssektor gehen, müsse hier auch angesetzt werden bei der Effizienzverbesserung, beispielsweise durch die Leichtbautechnik im Automobilbau. Hier wiederum könnten pflanzliche Rohstoffe wie Flachs oder Hanf zur Erzeugung von Biokunststoffen eingesetzt werden. Im Gebäudebereich seien nachwachsende Rohstoffe zunehmend als Dämmstoff gefragt, mit ihnen lasse sich der Energieverbrauch und somit der CO2-Ausstoß drastisch reduzieren.

Peter Traupmann, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur (r.) meinte, in Zukunft müsse es vermehrt angestrebt werden, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln. Moderiert wurde die Veranstaltung von Josef Plank, Präsident des Österreichischen Biomasseverbandes (l.). Foto: Biomasseverband

Marihart: Stärkesektor hat Zukunft

Das Stärkesegment sei eines der drei Unternehmensstandbeine des Agrana-Konzerns, erläuterte Generaldirektor Johann Marihart. Stärke sei ein sehr vielseitiger Rohstoff, der aus Mais, Weizen und Kartoffeln erzeugt werde. Die Agrana habe im Stärkebereich die Umsätze in den vergangenen Jahren gesteigert (auf mittlerweile 850 Mio. Euro im Geschäftsjahr 2013/14). Wir investieren weiter in dieses Segment und sehen in den verschiedenen Absatzschienen noch viel Potenzial, so Marihart. Den gesamten Stärkeumsatz in der EU bezifferte er mit rund 9 Mrd. Euro bei einer Produktion von 10 Mio. t und einer Beschäftigtenzahl von 15.600 Personen.

Wie vielfältig die biobasierte Produktpalette ist, zeigte der Modeschöpfer Gabriel Baradee. Sein Label Shakkei" ist bekannt dafür, dass die verwendeten Stoffe vor allem aus Biobaumwolle hergestellt werden, die Fertigung erfolgt zu 100% in Europa. Wir haben die Nachhaltigkeit von Anfang an auf unsere Fahnen geheftet, sagte Baradee bei der Präsentation seiner neuen Kollektion vor den Teilnehmern dieser Tagung. Die Moderation der Veranstaltung erfolgte durch den Präsidenten des Österreichischen Biomasseverbandes, Josef Plank. -AIZ-

Artikel geschrieben von

Torsten Altmann

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