Kommentar

Völlig unangebrachte Neiddebatte

Die Einkommen der Bauern sind 2022 gestiegen, was nicht selbstverständlich ist. Die Arbeiterkammer spricht von "Übergewinnen" und zu hohen Förderungen.

Werden jetzt alle Bauern Millionäre? Diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man die Ausführungen zu den landwirtschaftlichen Einkünften der Arbeiterkammer liest. So skizziert die Arbeiterkammer auf dem Arbeit & Wirtschafts Blog ein scheinbar bedrohliches Szenario: "Durch hohe Gewinnsteigerungen in der Landwirtschaft und pauschale Förderungen drohen in der Landwirtschaft Übergewinne".

Die Wogen in der Landwirtschaft gingen nach der Veröffentlichung hoch. Ein kürzlich erschienener Artikel im KURIER mit Minister Norbert Totschnig und dem Titel: „Bauerneinkommen sind stark gestiegen - auch dank Unterstützung des Steuerzahlers", sorgte für weitere Aufregung in der Bauernschaft.

Grundlage für die keimende Neiddebatte ist die erste Schätzung der landwirtschaftlichen Einkommen der Statistik Austria für 2022. Denn diese seien voraussichtlich um 25,6 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. 2021 sind die Gewinne im Durchschnitt schon um 15 % in die Höhe geklettert. "Trotzdem werden jetzt – in einer Zeit höchster Gewinne – zusätzliche Fördergelder verteilt“, empört sich die AK Agrarpolitik-Expertin Maria Burgstaller in ihrem Blogbeitrag.

Es sei den Landwirten nicht vergönnt, so scheint es. Doch was sich ein Angestellter bei der AK vermutlich nicht vorstellen kann, heuer kann das Einkommen wieder ganz anders aussehen. Die Landwirte sind nicht nur auf den Markt angewiesen - der Preise steigen und fallen lässt - sondern auch aufs Wetter und viele Zulieferer, die Preissteigerungen einfach weitergeben.

Zudem sind die letzten Zuwächse im Einkommen zu relativieren. Laut Landwirtschaftskammer erreicht das Einkommensplus 2022 nur das Niveau von 2007 bzw. 2011. Der Grüne Bericht belegt: Die durchschnittlichen Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft betrugen je Betrieb 2021 gerade einmal 32.146 €. Mit der geschätzten Steigerung um 25,6 % sind es also knapp mehr als 40.000 € im Vorjahr.

40.000 € im Jahr 2022 bedeuten etwa für Rinderbetriebe 365 Tage Arbeit, oft von früh bis spät. Nimmt man, vorsichtig geschätzt, 10 Stunden als Schnitt an, sind es unter elf Euro pro Stunde für den Bauern. Keine Überstundenzuschläge, kein Urlaubsgeld, kein Krankenstand, denn da muss Ersatz bezahlt werden. Wie die vergangenen Jahre gezeigt haben, wird auch um weniger Geld in den Stall gegangen.

Auch für Bauern steigen die Lebenserhaltungskosten. Es muss investiert werden, Maschinen, Traktoren, Geräte und Baukosten sind massiv im Preis gestiegen. Die Fördersätze wurden seit Jahren nicht angepasst. Der große Reichtum ist bei den meisten Betrieben jedenfalls nicht ausgebrochen, wie die AK vielleicht denkt. Ein gutes Jahr hatten viele bitter nötig, um den Betrieb am Laufen zu halten - die Neiddebatte kann man sich getrost sparen.

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