Was muss eine Agrarversicherung bieten?

Wie Agrarversicherungen beschaffen sein sollen, um künftigen Anforderungen zu entsprechen - darüber diskutierten heute auf Initiative der Österreichischen Hagelversicherung erstmals internationale Experten bei einem Symposium in Wien.

Eine Expertengruppe im Lebensministerium ist laut Minister Berlakovich derzeit dabei, alle Vorschläge für künftige Versicherungsmodelle in Österreich zu prüfen.

Eine Expertengruppe im Lebensministerium ist laut Minister Berlakovich derzeit dabei, alle Vorschläge für künftige Versicherungsmodelle in Österreich zu prüfen. (Bildquelle: )

"Der Klimawandel und die immer größeren Schwankungen bei den agrarischen Erzeugerpreisen stellen eine enorme Herausforderung für die Absicherung der landwirtschaftlichen Einkommen dar. Allein in Österreich habe in den letzten Jahren die Anzahl der Schäden durch Naturkatastrophen dramatisch zugenommen. Das Risikomanagement der Landwirte müsse aufgrund der Wetterextreme mit mehr staatlichem Engagement unterstützt werden , unterstrich Kurt Weinberger, Generaldirektor der Hagelversicherung. Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich berichtete, dass sich seit einigen Monaten bereits eine eigens dafür eingerichtete Expertengruppe mit diesem Thema befasse. Ziel sei es generell, den Bauern mehr Planungssicherheit zu geben. Man sei dabei, alle Vorschläge für künftige Versicherungsmodelle zu prüfen sowie die Vor- und Nachteile von Systemen in anderen Ländern abzuwägen, berichtete der Minister. So sei etwa das US-Modell in Teilaspekten durchaus interessant, eine Übernahme im Umfang 1:1 sei aber nicht sinnvoll. Österreich habe in den vergangenen Jahren die Risikoabdeckung bereits stark ausgeweitet, neben Hagel seien auch andere Schäden erfasst. Im Rahmen des Hagelversicherungs-Förderungsgesetzes würden Prämien mit 50% gefördert, dies erfordere öffentliche Mittel von rund 25 Mio. €. Wir wollen unsere Landwirte auch weiterhin beim Risikomanagement unterstützen, darüber hinaus sollte man auch eine Preisabsicherung über Warenterminbörsen diskutieren , sagte Berlakovich.Die zukünftigen Modelle für agrarische Ernteversicherungen müssten auch auf die immer stärkeren Erzeugerpreis-Schwankungen Rücksicht nehmen, unterstrich der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler vor rund 300 Teilnehmern. Entgegen den Aussagen mancher Experten blieben die agrarischen Rohstoffpreise nämlich nicht auf einem hohen Niveau, sondern es komme verstärkt zu Volatilitäten. Die Gründe dafür seien vielfältig: Einerseits steige die Nachfrage nach Getreide und pflanzlichen Fetten beziehungsweise nach Fleisch in den Entwicklungs- und Schwellenländern. In den Industriestaaten komme es zu einer weiteren Segmentierung des Marktes und das Wachstum des Welthandels nehme überproportional zu. Dem gegenüber komme es aufgrund des Klimawandels zu immer häufigeren und größeren Ernteschwankungen. Auch die Endlagerbestände bei wichtigen Grundnahrungsmitteln seien sehr unterschiedlich. Besonders zu den volatilen Agrarpreisen trage auch das starke Auf und Ab der Ölpreise bei. Spekulationen auf Derivatmärkten machten die Situation noch unsicherer.

Maximal 65 % der Versicherungsprämie förderbar

Die EU fördere das Risikomanagement in mehreren Bereichen, erläuterte Fischler. So lasse in der Ländlichen Entwicklung der Artikel 20 die Förderung des Wiederaufbaus von landwirtschaftlichem Produktionspotenzial, das durch Naturkatastrophen geschädigt wurde, zu. Eine Unterstützung sei auch im Rahmen der Erzeugerorganisationen möglich. Der Health Check wiederum sehe vor, dass die Mitgliedstaaten den Betriebsinhabern besondere Stützungen in Form von Beiträgen zu Ernte-, Tier- und Pflanzenversicherungen gewähren. Eine Bedingung dafür sei unter anderem, dass die Einbußen mehr als 30% der Jahreserzeugung ausmachen. Der maximale Förderbetrag betrage 65% der Versicherungsprämie. Was künftige Versicherungsmodelle betreffe, so sollten die Mitgliedstaaten alle Möglichkeiten - etwa in der Ländlichen Entwicklung - ausloten. Die Förderung von Erzeugerorganisationen sei dabei ebenso wichtig wie die Frage der Refinanzierung.

Umfassende Modelle in USA, Brasilien und Spanien

Vorgestellt wurden beim Symposium insbesondere die Agrarversicherungsmodelle in den USA, in Südamerika und in Spanien. Sowohl das US-System als auch jenes in Spanien sind sehr umfassend. Die staatlichen Versicherungsprogramme teilen sich einerseits in die Absicherung des Mengenertrages sowie in die des Einkommens. Drei Viertel aller versicherten Landwirte haben sich für die Einkommensvariante entschieden. Insgesamt stellt die US-Regierung im Jahr dafür rund 8 Mrd. $ zur Verfügung. In Südamerika bestehen laut Experten sehr große Unterschiede in den einzelnen Ländern. Brasilien verfügt aufgrund der enormen Bedeutung dieses Landes (weltweit größter Getreideexporteur, zweitgrößter Sojaproduzent) über eine umfangreiche Risikovorsorge. Der Staat unterstützt hier die Versicherung im Ackerbau mit 50 bis 70% der Prämie, dazu kommen Förderungen der einzelnen Regionalverwaltungen. In Spanien übernimmt der Staat neben einer rund 60%igen Prämienförderung auch die Rückversicherung der extremsten Risiken. Seit den 90er-Jahren hat sich das spanische Prämienaufkommen auf mittlerweile 680 Mio. € pro Jahr versechsfacht.

Österreich: Zahl der Schadensmeldungen seit 2004 mehr als verdoppelt

"In Österreich nahm in den letzten Jahren die Anzahl der Schäden durch Naturkatastrophen in der Landwirtschaft dramatisch zu. Die Zahl der Schadensmeldungen hat sich seit 2004 mehr als verdoppelt. Kein anderer Sektor der Volkswirtschaft ist durch das steigende Unwetterrisiko in seiner Existenz so gefährdet wie der Agrarbereich , betonte Hagelversicherungs-Generaldirektor Weinberger. Künftig seien daher erweiterte Riskmanagement-Systeme notwendig, um auf Dauer einen stabilen Agrarsektor garantieren zu können. Dass der Klimawandel zu einer nachweislichen Zunahme von Wetterextrem-Ereignissen in Form von Dürre, Überschwemmung, Hochwasser und Sturm, verbunden mit Hagelunwettern führt, spiegelt sich auch in den Aufzeichnungen eines der weltgrößten Rückversicherer, der Munich Re, wider. Demnach haben sich weltweit seit den 60er-Jahren die Anzahl der großen Wetterkatastrophen verdoppelt, die volkswirtschaftlichen Schäden versiebenfacht und die versicherten Schäden um den Faktor 27 erhöht.

Eigenverantwortung der Bauern mit mehr staatlichem Engagement unterstützen

"Neben Hagel deckt die Österreichische Hagelversicherung auch viele andere Risiken wie Frost, Sturm, Dürre, Überschwemmung, Verwehung oder Auswuchs ab. Das heimische Agrarversicherungssystem basiert zum Teil auf dem Private-Public-Partnership-Modell. So werden die Versicherungsprämien für die Risiken Hagel und Frost mit je 25% durch den Bund und die einzelnen Bundesländer gefördert. Die Wahrscheinlichkeit von Schadensereignissen wird künftig klimabedingt noch viel größer als etwa in der Sachversicherung. Ein Landwirt kann daher nur dann Eigenvorsorge betreiben, wenn es eine substanzielle Prämienförderung gibt , unterstrich Weinberger. Eine Ausweitung der Deckung beispielsweise bei Dürre könne nur mit öffentlicher Prämienförderung gemeinsam mit einem staatlichen Rückversicherungsschutz erfolgen. Nur unter diesen Bedingungen werde es auf Dauer für Landwirtschaft und Versicherungswirtschaft möglich sein, diese Wetterrisiken selbst zu managen, so Weinberger. -AIZ-


Diskussionen zum Artikel

Kommentar schreiben

Diskutieren Sie mit

Tragen Sie mit Ihrem Beitrag zur Meinungsbildung zu diesem Artikel bei.

Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu bewerten

Abbrechen

Sie haben noch kein Benutzerkonto?

Benutzerkonto erstellen