Thema des Monats

"Wir sitzen alle in einem Boot"

Biobetriebe sind doppelt so stark von der Stoffwechselerkrankung ­Ketose betroffen wie konventionelle Betriebe. Im aktuellen Kommentar weist top agrar Österreich-Redakteurin Felicitas Greil darauf hin, dass sich keiner einen Skandal leisten kann.

Bienentöter, Umweltvergifter, Tierquäler und Massentierhalter – konventionelle Bauern müssen sich oft (haltlose) Anschuldigungen anhören. Dagegen ist das Image der Biobranche ein Güldenes. Biolebensmittel sollen gesünder sein, die Umwelt schützen und dem Wohl der Tiere dienen. Dafür zahlen die Verbraucher beim Griff ins Regal.

Aber nun offenbarte eine Auswertung aus Niederösterreich, dass jeder vierte Biobetrieb Probleme mit einer Stoffwechselerkrankung bei Kühen hatte. ­Ketose heißt diese. Sie kann schleichend und kaum auffällig auftreten, oder so gravierend werden, dass nur noch der Tierarzt helfen kann. Das Pikante daran: Die konventionellen Betriebe hatten, laut  Studie, diese Probleme nicht, bzw. nicht in diesem Ausmaß.

Auf den ersten Blick mag dies für ­konventionelle Betriebe ein wenig wie „Balsam auf die geschundene Seele“ sein. Sie sind in diesem Fall tatsächlich besser. Denn die Studie war kein einmaliger „Ausrutscher“. Aktualisierte Zahlen bestätigen, dass Biobetriebe erneut doppelt so stark von Ketose betroffen sind wie konventionell wirtschaftende Milchviehbetriebe.

Weder die Biobranche noch die konventionelle Land­wirtschaft kann sich einen Skandal leisten.

Nun ist aber Ketose kein neues Problem und keine neue Krankheit. Berater und Milcherzeuger wissen ziemlich genau, wie man die Stoffwechselerkrankung in den Griff bekommt oder – noch besser – sie gar nicht erst entstehen lässt. Auch die biologisch wirtschaftenden ­Betriebe haben alle Möglichkeiten dazu. Die wichtigsten Ansatzpunkte haben wir im Beitrag "Problem Ketose: Das können Biobetriebe tun" in der aktuellen Ausgabe 12/2021 zusammengetragen.

Für die betroffenen Biomilcherzeuger in Österreich heißt das: Sie müssen ihre Hausaufgaben machen und im Stall besser werden. Die Biobranche hat keinen Freifahrtschein! Das wurde erst vor Kurzem deutlich: Mitte November veröffentlichte die deutsche Wochenzeitschrift „Die Zeit“ ein mehrseitiges Dossier unter dem Titel „Die Bio-Lüge“. Die Autorin beschreibt darin u. a. ein Missver­hältnis zwischen dem Bild, das viele Verbraucher beim Kauf von Bioprodukten vor Augen hätten, und der Realität, was tatsächlich in ökologisch arbeitenden ­Betrieben passiere. Längst sei die Biolandwirtschaft außerdem den gleichen ökonomischen Zwängen unterworfen wie die konventionelle.

Das zeigt, der Wind in den Medien kann sich schnell drehen. Weder die Biobranche noch die konventionelle Landwirtschaft kann sich einen Skandal leisten. Das gefährdet das Image der gesamten Branche. Als Konsequenz daraus würde sich die Produktion, egal welche Richtung, nur noch mehr ins Ausland verlagern. Ein ideologischer Feldzug gegeneinander hilft niemandem, wir sitzen alle in einem Boot. Gegenseitiger Respekt und Toleranz sind gerade in diesen Zeiten besonders wichtig. Und eines ist klar: In Österreich produzieren alle landwirtschaftlichen Betriebe Lebensmittel mit höchster Qualität!