Aufgedeckt

Steirische Rinderzucht im Fadenkreuz

Die steirische Rinderzucht sieht sich aktuell mit mehreren Vorwürfen konfrontiert: Bei der Exterieurbewertung wurde getrickst. Zudem fühlen sich einige Landwirte bei Tierverkäufen hintergangen. Und ein kleiner Spermavertreiber beklagt massive Behinderungen. top agrar hat recherchiert.

Der Beste, Maximal, Razfaz, Defacto* – alles Namen bekannter Alt- und hoffnungsvoller Jung­vererber der Rinderzucht Steiermark. Doch stimmen deren Zuchtwerte überhaupt? Der im Frühjahr aufgeflogene Skandal um die Exterieurbewertungen der Nachzuchtlinien lässt daran zweifeln. Denn die Nachzuchten wurden nicht in natura in Augenschein genommen, sondern die Bewertungen einfach vom Schreibtisch aus getätigt. Damit steht letztlich der Verdacht auf Verfälschung von Zuchtwerten, Daten- und Dokumentenfälschung bis hin zu Täuschung und Betrug im Raum.

Die Bauern können aber unbesorgt sein. Neben dem Exterieur fließen noch weitere Merkmale in die Zuchtwertschätzung ein. Auch gibt es in der Stei­ermark mehrere Nachzuchtbewerter. Trotzdem sollte so ein Einzelfall nicht vorkommen. Von dem dafür verantwortlichen Zuchtberater habe man sich getrennt, so der damalige Verbandsgeschäftsführer. Die falsch erhobenen Daten wären auch umgehend bei der ZuchtData korrigiert worden (siehe Heft 5/21, Seite  9). Besagter Exmitarbeiter wollte sich gegenüber top agrar nicht äußern.

Nur 131 „Fehler“ gemeldet

Laut ZuchtData, über diesen Tochterbetrieb der ZAR/Rinderzucht Austria werden die Zuchtdaten zusammengeführt, habe es bei der aktuellen Zuchtwertschätzung gegenüber den letzten zwei Terminen tatsächlich Anpassungen bei drei nachkommen­ge-prüften Stieren und deren Söhne gegeben. Dies sei aber nicht dem „steirischen Zwischenfall“ geschuldet, wurde betont. Denn bei den aus der Grünen Mark korrigierten Exterieurwerten von 131 Töchtern gab es insgesamt 76 verschiedene Väter. Bei einem davon wären sechs Töchter korrigiert worden, aber das würde bei dessen über 1.000 bewerteten Töchtern kaum ins Gewicht fallen.

Diese Affäre scheint aber noch nicht ausgestanden. Steirische Züchter berichten, dass die Bewertungen des Rinderzucht-Exmitarbeiters erst nach und nach nachkontrolliert werden.

Sonderbare Verkäufe

Im Zuge unserer Recherchen zur „Schreibtisch“-Causa klang in den Gesprächen mit den steirischen Landwirten beim Thema Tierzucht immer wieder Skepsis und Kritik durch. Besonders kritische sehen das Konglomerat aus Rinderzucht, Genostar, Leistungskontrollverband (LKV) und Kammer als einen extrem starken „Machtapparat“, dem man als Züchter unterworfen sei und kaum entrinnen könne. Die wenigsten Landwirte, mit denen wir gesprochen haben, wollten daher mit Namen zitiert werden.

Auch kamen in den Gesprächen mit den Bauern neue ­Vorhalte und mögliche Ungereimtheiten auf: Beispielsweise kam es bei einer Viehzuchtgenossenschaft (VZG) zum Rückstau von Zuchtkalbinnen, die nicht als solche vermarktbar waren. Trotz korrekter Meldung habe die Rinderzucht die ausländischen Besamungsstiere im Zuchtbuch falsch eingetragen. „Erst nach langem Hin und Her und Androhung weiterer Schritte wurde der Fehler behoben“, berichtete Markus Spreitzer von der VZG Ranten. Dafür wurde der VZG im Gegenzug eine erneute Stierkörung in Rechnung gestellt.

Rechtlich heikler hören sich Vorhalte betreffend der Tierverkäufe an: So berichteten der Redaktion bekannte Bauern, dass ein Viehhändler bereits bei der Stalltür gekaufte Tiere dann auf Versteigerungen auftreibe. Allerdings werden dann dort die ursprünglichen Besitzer als Verkäufer angegeben. Mehrerlöse wären die Folge, die betreffenden Bauern fühlen sich vom Verband regelrecht verkauft. Mit den AMA-Meldedaten könnten die Manipulationen bewiesen...